Gaunerzinken

Es ist schon etwas länger her, das ich zwei dieser Gaunerzinken an unserem Gartenzaun entdeckt habe. Ich kann mich aber leider nicht mehr daran erinnern, welche das waren.
Wenn Sie irgendwann einmal eine dieser Gaunerzinken entdeckt haben, dann würde ich mich freuen, wenn Sie mir darüber berichten und mir eine Email schreiben an info@guidosworld.de
Vielleicht hat sie schon mal jemand gesehen oder bemerkt an Zäunen, Hauswänden oder Türen. Gelegentlich sind Sie zu finden, die sogenannten Gaunerzinken, die Geheimsprache der Bettler, Zigeuner, Hausierer und "fahrende Gesellen". Es ist die Geheimsprache, um sich gegenseitig über Gefahren oder günstige Möglichkeiten zu unterrichten.

Hände weg! Gefährlich! Hier wohnt Polizei! Unfreundliche Leute! Achtung, bissiger Hund!
Prügel-Gefahr! Leute rufen Polizei! Hier gibt es nichts Für arbeiten gibt es etwas
Ruhig aufdringlich werden Fromm tun lohnt sich Abhauen! Krank spielen lohnt sich



Hier könnte Ihre "Werbezinke" stehen
Hier gibt es ein Nachtlager Hier gibt es Essen Hier gibt es Geld

Zu dem Thema Gaunerzinken habe ich auch bereits einige Emails bekommen:
Hallo, habe soeben einen Zinkern an unserer Gartentür entdeckt: 3 ca. 30 cm lange, horizontal angeordnete Ölkreidestriche. Kennen Sie das Symbol? Beste Grüße, R.v.G.
"Hallo, rein zufällig habe ich an den Türrahmen unserer neu bezogenen Wohnung die in der angehängten Datei (Abb. links) abgebildeten Zeichen entdeckt. Ich wohne in einem Hochhaus mit ca. 30 Familien und schätze, daß Drückerbanden sich somit die Arbeit etwas erleichtern. Wenn möglich wäre ich für eine kurze Erklärung dankbar. Viele Grüße M.D."
"Hallo und einen schönen Tag. Dieses Zeichen (Abb. links) habe ich an unserer Gaststätte (Stadtteil von Potsdam) gefunden. Sagt ihnen das was??? Übrigens habe ich Ihre Seite bei der Frage an GOOGLE nach "Bettlerzeichen" gefunden. Das Wort "Gaunerzinken" kannte ich zwar, ist mir aber gerade nicht eingefallen. Würde mich über eine Antwort sehr freuen. Tschüss. MfG H.N.

Diese Email habe ich aus der Schweiz erhalten:
"Guten Tag
Bei der Recherche zu Gaunerzinken stiess ich auf www.guidosworld.de. Daniel Faelli ist demnach interessiert zu erfahren, ob Gaunerzinken vorkommen.
Ich habe in der Zeitung "Zürcher Unterländer" heute, 18. September 2002, einen Artikel gesehen. Falls Herr Faelli immer noch interessiert ist, hier der Artikel:
NIEDERHASLI
Hausabwart reagierte sofort und alarmierte die Mieter
Wieder Gaunerzinken im Unterland
Seit einiger Zeit tauchen in zahlreichen Unterländer Quartieren wieder Gaunerzinken auf. In Kloten wurden drei Frauen verhaftet.
DANIEL JAGGI
Die Erscheinung ist imposant: Gross, fest, blondes, kurzes Haar. Der Mann steht unmittelbar vor der 155 Zentimeter grossen Rosa Wenger* im Hauseingang des Mehrfamilienhauses. Ob sie Sunrise-Abonnentin werden möchte, fragte er letzten Donnerstagabend die 77-Jährige. Doch Rosa Wenger ist skeptisch. «Er trug gar keine Unterlagen bei sich.» Vor der Nase habe sie dem Unbekannten dann die Haustüre zugeschlagen.
Von der Nachbarin alarmiert macht Hauswart und Zürcher Stadtpolizist Erich Vögtli* später eine beunruhigende Entdeckung: Neben den Klingelknöpfen sind gut sichtbare Bleistiftstriche gezogen worden. «Immer bei jenen Mietern, die tagsüber arbeiten.» Vögtli überprüft weitere Mehrfamilienhäuser an der Rooswiesenstrasse und die vielen Einfamilienhäuser im Quartier. Fazit: Überall hatte es so genannte Gaunerzinken.
Bildzeichen sind in den letzten Monaten auch auf Briefkästen und Klingeln in den Gemeinden Bülach, Dietlikon, Wallisellen, Kloten und Opfikon festgestellt worden. Die Stadtpolizeien schliessen zwar Lausbubenstreiche nicht aus, nehmen die Zinken aber ernst. «Wir unternehmen alles polizeilich mögliche», betont Vincenzo Condoleo, Chef der Stadtpolizei Kloten. Seine Polizisten konnten kürzlich drei ausländische Frauen festnehmen, die Gaunerzinken angebracht haben sollen. Allerdings blieb die Überprüfung ergebnislos.
Obwohl die Stadtpolizei Bülach kürzlich viele Gaunerzinken entdeckte, wurden bislang nicht mehr Einbrüche gemeldet als normal. Die gleiche Feststellung machte man auch in allen anderen betroffenen Gemeinden.
Für die Kantonspolizei handelt es sich bei Gaunerzinken lediglich um Lausbubenstreiche. «Sie sind mit grosser Wahrscheinlichkeit harmloser Herkunft», sagt Pressesprecher Martin Sorg. Diebesbanden und Kriminaltouristen würden keine solchen Zeichen benützen. Das hätten Befragungen von Verhafteten ergeben. Einbrecher würden nicht lange fackeln. Ist niemand zu Hause, werde eingebrochen.
Ganz anders sieht es Christian Gerber, Geschäftsführer der Bülacher Sicherheitsfirma GSD Allsecurity GmbH: «Ich bin überzeugt, dass Diebesbanden auch mit solchen Zeichen operieren.»
Inzwischen ist klar, dass es sich beim Sunrise-Verkäufer um keinen echten Ranger handelte. «Unsere Ranger weisen sich stets aus oder tragen den Ausweis gut sichtbar», erklärte Sunrise-Pressesprecher Matthieu Janin. Hauswart Erich Vögtli hat in einem Schreiben die Bewohner der Mehrfamilienhäuser inzwischen vor den Gaunerzinken gewarnt.
Nach Angaben des Sprachwissenschaftlers Daniel Faelli von der Uni Münster entstammen die Gaunerzinken dem Rotwelschen, einer ab dem 12. Jahrhundert verwendeten Geheimsprache. 1540 tauchten die Zinken erstmals als Mordbrennzeichen in Europa auf. Grundsätzlich enthalten sie Informationen für Nachreisende und wurden hauptsächlich von Kriminellen, aber auch von Hausierern und Zigeunern verwendet. Nach Ansicht des belgischen Büros für Kriminalitäsvorbeugung tauchten die Zeichen in den letzten Jahren vor allem in Deutschland, Belgien und Frankreich auf.
*Namen geändert
Die Zeitung ist eine kleinere Regionalzeitung, die ein Gebiet nördlich von Zürich abdeckt. Es ist das erstemal, dass ich in letzter Zeit etwas über das Thema gelesen habe.
Als Journalist bin ich nun dran, herauszufinden, was an der Sache dran ist.
Mit freundlichem Gruss
A. K.
Freier Journalist

Und noch diese Email mit folgenden Bildern: "Hallo; Auf Ihrer WEB-Seite haben Sie nach Bildern von Gaunerzinken gesucht. Wir haben zwei dieser Zeichen an unserer Haustür entdeckt. Obes nun welche sind oder nicht........ Urteilen Sie selbst. Wenn Sie diese Zeichen kennen sollten, wären wir für eine Antwort dankbar. Schöne Ostern. Mit freundlichen Grüßen Thomas K.

Im nachfolgenden und sehr ausführlichen Teil möchte ich eine Studienarbeit präsentieren, in der das Thema Gaunerzinken detailierter abgehandelt wird.
Über eine Suchmaschine im Internet wurde Daniel Faelli, Student der Sprachwissenschaften, an Uni Münster, Schwerpunkt 'Sondersprachenforschung', auf meine Homepage aufmerksam.
Sein Thema ist die Entwicklung und sprachwissenschaftliche Auswertung der Zinken. Diese Studienarbeit ist noch nicht ganz fertig, und wird nach Vollendung sicher hier ein Update erfolgen. Daniel Faelli wäre dankbar über eine genaue Schilderung der Umstände bzw. über jeden weiterführenden Hinweis bzgl. Warnungen in lokalen Zeitungen zum Beispiel.

Inhalt:
1 Das Wort Zinken . Bedeutung und Etymologie
2 Zur Geschichte  der Zinken
3 Funktionsweise und Zweck der Zinken
4 Graphischen Zinken
5 Die Bettlerzinken
6 Die Gaunerzinken
( Unterteilung der Gaunerzinken nach funktionalen Merkmalen)
      Erkennungszinken
      Richtungszinken 
      Mögliche Aufbauarten von Wegweiserzinken
      Mitteilungszinken
7 Bedeutungsunterschiede bei Zinken, synonyme Zinken, mißverständliche Zinken
8 Weitere Zinken:
9  Moderne Zinken
1. Das Wort Zinken

Die Zinken entstammen dem Rotwelschen, einer ab dem 12/13 Jahrhundert feststellbaren Geheimsprache der Nichtseßhaften in Deutschland 1(Siewert, Klaus: Grundlagen der Sondersprachenforschung. Habilschrift, Münster 1998, S. 20). Das Wort: der Zinken oder der Zink bedeutet allgemein jede geheime Verständigung durch Laute, Gesten, Mienen und graphische   Merkzeichen 2(Ave-Lallenmant, Friedrich Christian Benedikt: das deutsche Gaunertum in seiner sozialpolitischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande, Wiesbaden 1858, 2.Teil S. 48).  Die Zinken wurden nur von den Angehörigen des "fahrenden Volkes“ genutzt und verstanden und erfüllten so für die Gruppe primär eine Verdunkelungs- beziehungsweise eine Geheimhaltungsfunktion, aber auch eine Funktion der Identitätsstiftung und der Abgrenzung der Benutzer gegen das Umfeld. 3(1-8). Folglich beschränkte sich das Kommunikationssystem der nichtseßhaften Bevölkerung also nicht nur auf ihre Sprache, sondern, Zitat: „sie konnten sich auch akustisch und optisch verständigen, Klopfzeichen, Handzeichen und insbesondere Zinken wären hier zu nennen“ 4(Seidenspinner, Wolfgang: Mythos Gesellschaft: Erkundungen in der Subkultur der Jauner. Internationale Hochschulschriften Band 279. Münster1998, S. 30).
Sigmund Wolf übersetzt in seinem "Wörterbuch des Rotwelschen" Zinken (der-) mit ‚Zeichen‘. Gemeint sind damit  sowohl graphisches Zeichen als auch akustische Zeichen sowie Verständigung durch Handzeichen und Winke. Wörtlich: Im umfassenden Sinne des Wortes: graphisches Zeichen, d.h. Gauner- oder Bettlerzinken / akkustisches Zeichen, d.h. etwa ein Pfiff oder Wink, ein Warnruf oder dergleichen, und schließlich jeder der Verständigung dienende Wink. 5(Wolf, Siegmund: Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache. Mannheim 1956, S. 349).
Die Zinken sind also Verständigungsmittel des außersprachlichen Bereiches, die semasiologisch gesehen, Symbole (sind), die für bestimmte geheime Botschaften standen 6(Siwert, S. 7).
Ave-Lallemant leitet das Wort Zink in seiner Bedeutung Wink, Zeichen, Bezeichnung vom lateinischen signum  ab 7 (Ave-Lallemant). Girtler sieht eine Verbindung zum althochdeutschen zinko, das soviel wie Zacke oder Spitze bedeutet 8(Girtler, Roland: Rotwelsch: die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden. Wien, Köln, Weimar, 1998, S. 20). Auch Viertler meint, der Ausdruck stehe im Zusammenhang mit dem Wort Gabelzinke (Viertler, Johann: die Zinke- eine geheime Bilderschrift In: die Kärntner Landsmannschaft, Heft 10,1976, S.159).
Zuerst tritt der Begriff Zinken in der Verwendung als Morphem verschiedener Komposita auf: im Hildburghauser Verzeichnis von 1753 z.B. der Zinkenplatz (der Ort an dem sich die Diebe treffen), oder Zinken stechen  (zum Abmarsch rufen beziehungsweise jemandem ein Zeichen geben). 9(Hildburghauser Verzeichnis: Kopecni 1980)  Nachdem der Begriff Zinken kurz darauf  in der Rotwelschen Grammatik (1755) auftaucht, entwickelt er sich zu einem relativ häufig verwendeten Wort z.B. Zinken (Personenbeschreibung), abzinken (signalisieren einer Person), oder Zinkfleppe (Steckbrief) 10(Ave-Lallemant). Außerdem steht der Ausdruck Zinkenstechen im Rotwelsch für Zeichen geben, und das Wort zinken bedeutet ganz allgemeinein Zeichen geben, etwas bezeichnen, aber auch etwas verraten  11(Viertler). Interessant ist auch der Ausdruck abgezinkt sein  für ‚erkannt‘, ‚erwischt’ sein

2 Zur Geschichte der Zinken
Im 16. Jahrhundert tauchen in Europa erstmals graphisches Zinken auf: die sogenannten Mordbrennerzeichen (1540-1560).  Dieses Verzeichnis umfaßt bereits mehr als 340 Zeichen, und man kann davon ausgehen das dieses Verzeichnis bereits im 14. Jahrhundert Verwendung fand 12(Kopecny). Die Mordbrennerzeichen gestalten sich in der Regel differenzierter und ausgefüllter als die späteren Gaunerzinken, weshalb sie als Grundlage der Gaunerzinken angesehen werden können.
 

Abb. 1
 

Sie informierten Mitglieder von Gaunerbanden darüber, daß zu einer bestimmten Zeit ein Haus überfallen, ausgeraubt und gegebenenfalls in Brand gesteckt werden sollte.13(Girtler, S. 208) Kluge verweist darauf, daß bereits im Jahre 1540 eine Mordbrennerbande verhört worden sei, die angab, besondere Zeichen (zu haben), wodurch sie die Häuser, in die Feuer eingelegt werden sollte oder schon angelegt sei, ihren Genossen bemerkbar machte 14(Kluge, S. 96)
Doch unter dem Ausdruck Zinken bezeichnet man erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts allgemein die Verständigung unter den Anrufen in Form einer bildhaften Symbolschrift.  Das Wort Zinken erscheint also erstmals, als maskiert auftretende Räuberbanden und in Scharen über an das Land ziehende Gauner, die sich ohne festen Wohnsitz mit verschiedenen Gewerben durchschlagen, auftauchen und so nur die Endphase eines Prozesses markieren, der offenbar im späten Mittelalter einsetzte und in der frühen Neuzeit den „standlosen Stand“ konstituiert hat. 15(Seidenspinner S. 30).
Im späten 18. Jahrhundert und im frühen 19. Jahrhundert, als sich die ständische Gesellschaft auflöste und die bürgerliche Gesellschaft langsam entstand, drängte sich ebendieser  standlose Stand, das auf den Landstraßen lebende, vagierende Volk, dem der normale Bürger mißtraute und daß man nicht selten als teuflisch ansah, in den Vordergrund öffentlichen Interesses; der Begriff Zinke wird also erst zu einem Zeitpunkt verschriftlicht, indem die von ihm ausgehende Bedrohung von der Bevölkerung auch wirklich wahrgenommen wird. 16(Seidenspinner).
In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg wurden Zinken, genau wie das Rotwelsch, selten verwendet, wobei in den letzten Jahren erneut Zinken im Zusammenhang mit kriminellen Handlungen wie beispielsweise Wohnungseinbrüchen aufgetreten sind. 17(Girtler S. 209). In heutiger Zeit  bedienen sich Handelsvertreter, Drückerkolonnen und Sekten der Zinken, von denen vermutet wird, daß sie durch moderne, neue Zinken ergänzt wurden.

3 Funkionsweise und  Zweck der Zinken
Ebenso wie das Rotwelsch sind die Zinken einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zuzuordnen, die aufgrund bestimmter sozialer Bedingungen ständig mit Repressionen durch andere rechnen mußte. Die Trägerschaft des Rotwelschen stimmt demnach mit der Trägerschaft der Zinken überein, die Zinken bilden den nonverbalen Teil der Sprache. Der Gebrauchs Zweck der Zinken ergibt sich aus der Situation der Trägerschaft, welche sich häufig in Situationen wiederfand, in denen eine geheime Kommunikation nötig schien, und in denen eine verbale Kommunikation, beispielsweise aus Gründen der Distanz beziehungsweise wegen der Anwesenheit von Mithörern, nicht möglich war.
Die Inhalte der Zinken bestehen in den meisten Fällen aus Informationen für Nachreisende: wie und wo man erfolgreich betteln, essen oder schlafen kann (Mitteilungszinken), 18(Girtler 209), aus Warnungen oder aus Erkennungsmerkmalen, die bestimmte fahrende Leute identifizierten (Erkennungszinken) 19(Copecny). desweiteren, in welche Richtung eine bestimmte Personenanzahl vor wie vielen Tagen weitermarschiert ist. So trug das Zeichensystem der Zinken, gepaart mit dem Rotwelschen, in hohem Maße zur Sicherung der Existenz bei. Wurde das Zeichen von Aussenstehenden entschlüssent, war damit defunktionalisiert und hob die Abgeschlossenheit der Gruppe auf. Ein Gauner, der sich verraten hatte, war damit abgezinkt. 

4 Graphisches Zinken
Die graphischen Zinken bildeten den größten Teil  der verschiedenen Zinkenarten. Man kann bei diesen Symbolen von einer Bilder- oder von einer Sinnschrift sprechen, da die "Lesung" nicht an den sprachlichen Ausdruck geknüpft ist 20(Biedermann, H. /Schwarz-Winkelhofer: das Buch der Zeichen und Symbole, Graz 1990, S. 412). Außerdem gibt es Jadzinken, Kenzinken, Schlichnerzinken und Grifflingszinken, auf die später genauer eingegangen wird. Die graphischen Zinken  wurde mit Kohle, Kreide oder Rötel angebracht, oder man ritzte die Zeichen einfach in die Mauer 21(1 Girtler 207).  Waren Kohle oder Kreide nicht vorhanden, halfen sich die fahrende Leute häufig mit Naturmaterialien, wie Weidenzweigen, in die sie Knoten flochten, Bändern oder kleine Stäbchen 22(Ave Lallenmant 1940.53).  Am meisten wurde an Orten gezinkt, die eine hohe Fluktuation hatten und an denen die Kumpanen in jedem Fall vorbeikamen also am meisten in den Abtritten der Wirtshäuser und Bahnhöfe, an Ortseingängen und Ausgängen. Häufige Anbringungsorte  waren auch Kirchenmauern Klostermauern und Kapellen. In Wirtshäusern und Herbergen wurden Zinken insbesondere in der Nähe der Tür gezeichnet oder eingesetzt. Dabei stand der Ort, an dem gezinkt wurde, oft in Verbindung zu der Mitteilung des Zeichen: an Kirchen und Kapellen oder auch Wirtshäusern handelte es sich folglich oft um Bettlerzinken, also solche Zinken die erfahrungsgemäß nur von Bettlern verwendet werden 23(Streicher, Hubert: die graphischen Gaunerzinken in: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg) Wohnsitz: Nirgendwo. Berlin 1982, S. 25)

5 Die Bettlerzinken
Unter diesem Zeichen sind stereotype Zeichen zu verstehen 24(1-41), die angeben, ob es sich lohnt zu betteln, ob man Almosen erwarten kann oder ob die Hausbewohner frommen und mildtätig sind..die Bettlerzinken gehen auf den Ursprung der Zinken zurück: Die  Mordbrennerbanden entwickelten sich vielfach aus dem Bettlerorden 26(Streicher). Es handelt sich teils um Zeichen, teils um Bilderzinken. Bei den Bilderzinken wird eine Ikonenhafte Ausdrucksweise gewählt.
 

Abb. 2

Diese seit dem 16. Jahrhundert verbreiteten Zeichen erlebten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine Rennaicance und wurden von Haustieren, Walzbrüdern, Zigeunern und verschiedenen Wanderern gebraucht, wie zum Beispiel Geschirr– und Kesselflickern 28(Viertler S.159).
Zitat: in der Notzeit zwischen den beiden Weltkriegen waren an den Wänden der Treppenhäuser in allen Großstädten vielfach einfache Bettlerzinken eingekratzt, die auf sie Spendenbereitschaft der Hausbewohner hinwiesen.
 
6 Die Gaunerzinken
 
Abb. 3

Die Mehrheit der Zinken waren und  Mitteilungs Zinken von Kriminellen, durch die Komplizen angeworben wurden und Nachrichten über Verrat, Flucht, Haft, oder Geständnis hinterlassen wurden 29(Viertler S.160). Diese Mitteilungszinken ermöglichten es den Gaunern auch, Informationen über zu verübende Straftaten und lokale Verhältnisse, die deren Ausführung begünstigten innerhalb ihrer Gruppe auszutauschen 30(Viertler).
 

Unterteilung der Gaunerzinken nach funktionalen Merkmalen 

Erkennungszinken
 
 

Abb. 4/5  
 

Eine Gruppe der graphischen Zinken sind die Erkennungszinken. Sie dienen dazu, den Fahrenden beziehungsweise jede einzelne Familie, die zu den fahrenden Leuten gehörte, zu identifizieren. Mit einem solchen Erkennungszinken verband sich ein bestimmtes Ehrgefühl und eine Selbstidentifikation.
Erkennungszinken oder Personenzinken wurden in den meisten Fällen selbst angefertigt und fanden sich gelegentlich auch auf eigens angefertigten Siegelringen der Urheber wieder. Teilweise waren solche Zinken mit Wappen vergleichbar und wiesen genau wie diese bestimmte Elemente auf. Häufig wurden Tierbilder verwendet um die eigene Familie zu kennzeichnen. Ein weiteres Merkmal sind geometrischen Formen wie Kreis, Oval, Viereck, Dreieck, oder Kreuz, die sich, mit schmückendem Beiwerk  wie Schlangenlinien oder ähnlichem ausgestattet, auf den Wappen der fahrende Leute wiederfanden. Grundlage für diesen Informationsaustausch waren die sogenannten Namenszinken. jeder Gauner hatte sein bestimmtes Zeichen, einer Art Wappen, das von seinen Genossen so geachtet wird, daß keiner es nachzuahmen wagt, da er sich sonst für die Ehrenkränkung der Rache des Betroffenen sicher war. Zinken gründen den häufig auf Spitznamen der Verbrecher: typische Darstellungen waren z.B.  eine Eule, ein Vogel, ein Hase, andererseits gab es Wappen  in Form von Messern oder Peitschen 31(Viertler S. 160).
Richtungszinken
Abb. 6

Wenn ein Gauner mit seinen Freunden Kontakt aufnehmen wollte, zeichnete er einen Wegweiserzinken mit Datum an eine bestimmte zentrale Stelle, um einen Treffpunkt auszumachen 33(Girtler S. 208). Auch wurden durch einen Pfeil die Richtung angegeben, in die man weiter zieht, durch Anzahl und Größe der angegebenen Striche machte man außerdem deutlich, wie viele Personen unterwegs waren, es war möglich, Männer und Frauen, Kinder und Tiere zu bezeichnen.
Wie bereits erwähnt, wurden Richtungszinken oder Wegweiserzinken insbesondere an Weggabelungen auf Steinen an Bäumen oder auf dem Boden angebracht. Sie sollten Nachfahrenden zeigen, welchen Weg Teile der Familie, der Gauner oder der Freunde abgenommen hatten und zu welchem Datum die Abreise erfolgt war.
Kombiniert mit einem Familienwappen, also einem Erkennungszinken war es den Nachfolgern möglich, den aktuellen Aufenthaltsort einer bestimmten Person auszumachen und ihr zu folgen. Richtungszinken sind aus diesem Grund generell gleich aufgebaut: sie beinhalten einen Pfeil, der die Zugrichtung angibt, ein Datum, das den Abreisetag markiert und Striche, die die Person darstellen sollen. Dabei steht in der Regel ein durchgezogener Strich für einen Mann, während ein halber Strich eine Frau darstellt 34(Girtler S. 216).
Die Darstellung von Kindern oder Tieren variieren häufig, aber auch die Symbole für Männer und Frauen wurden teilweise vertauscht. Desweiteren ist anzumerken, daß man von verschiedenen Graden der Genauigkeit ausgehen muß.
Im Folgenden sollen die am häufigsten vorkommenden Formen der Richtungs- beziehungsweise der Wegweiserzinken aufgeführt werden und einige Beispiele für Wegweiserzinken dargestellt werden 35(Ave-Lallemant 51-53).
Generell gilt, daß oberhalb der Linie, die die Richtung anzeigt die männlichen und unterhalb der Linie die weiblichen Mitfahrenden dargestellt werden.

Mögliche Aufbauarten eines Wegweiser Zinken (Abb. 2-26).

Beide möglichen Aufbauarten eines Richtungszinken unterscheiden sich insbesondere durch die Angabe der Reiserichtung, die Darstellung des Wappens und die Darstellung der Kinder voneinander. Trotzdem muß man davon ausgehen, daß beide Arten in Gebrauch waren und somit von den meisten entschlüsselt werden könnten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, daß unterschiedliche Familien oder unter Gruppen innerhalb der sozialen Gruppe der fahrende Leute, Varianten von Richtungszinken verwenden. Häufig waren Richtung- oder Wegweiser-Zinken jedoch sehr viel simpler aufgebaut. Im folgenden sollen einige Beispiele genannt werden.
Neben den Richtungszinken die ein Erkennungszeichen für eine bestimmte Person oder für ein bestimmtes Gewerbe beinhalten, gibt es Zinken, die eine Richtungsangabe mit Attributen der Mitteilungszinken verknüpfen. Als Beispiel soll hier die Schlangenlinien als Symbol für eine gelungene Tat dienen.
Abbildung

Mitteilungszinken
Mitteilungszinken bestimmen den größten Teil der Zinken 36(Girtler S. 210).
Mit diesem Zinken informierten fahrende Leute ihres gleichen über Gefahren und Möglichkeiten der Essens- und Schlafplatzbeschaffung. Zwar variieren die Zinken häufig voneinander,  jedoch lassen sich Grundzüge erkennen wie immer gleichbedeutend sind. Kreise drückten im allgemeinen etwas Positives oder eine Erfolgsmeldung aus 37(Kopecny S. 156).
Wie bereits erwähnt, können Zinken unterschiedliche Formen annehmen. Eine Blechbüchse oder ein Eimer am Ort ein ganz gut sichtbar angebracht weist beispielsweise auf einen Polizisten hin, der die Ausübung des Berufes des betreffenden Fahrenden schwierig machen könnte. Jedoch sollte der Schwerpunkt der Betrachtung auf den gezeichneten oder eingesetzten Mitteilungszinken wiegen.

7 Bedeutungsunterschiede bei Zinken, synonyme Zinken, mißverständliche Zinken
Bei einem Vergleich der Zinken fällt auf, daß einige Fälle von Synonymie auftreten. Dieser Synonymie könnte darauf hinweisen, daß unterschiedliche Gruppen von fahrende in unterschiedliche Zinken verwendeten, um den gleichen Sachverhalt auszudrücken. Teilweise finden sich auch Zinken, die in ihrer Ausgestaltung gewisse Unterschiede aufweisen, die möglicherweise auf die Begabung des Herstellers zurückzuführen sind 39(2-78 bis 91,92 bis 116, Girtler/Kopecny)
.
Abb. 8

Geht man davon aus, daß sich einige Zinken lediglich durch ihre Ausgestaltung, d.h. durch die Begabung des Herstellers unterscheiden, stößt man in einigen Fällen auf Widersprüche. Hierbei wird deutlich, daß eine andere als die Ausgestaltung eines Zinken eine andere Bedeutung infiziert.
1. Beispiel: 40( 2-117 bis 122Girtler,Kopecny)
2. Beispiel: (-123 bis 124) im Falle des 2. Beispiels ähneln sich die Zinken zwar sehr, da sie nur durch die Länge gestrichenes unterschieden werden können, Mißverständnisse werden allerdings dadurch unwahrscheinlich das bei der Zinken nur jeweils an spezifischen Orten auf zu finden sind. Während der erst Zinken an Häusern oder ähnlichem Aufzug finden ist, wird der 2. Zinken wahrscheinlich eher im Zusammenhang mit Vernehmungen durch die Polizei oder in ähnlichen Situationen verwendet. Daher ist davon auszugehen, daß es zu einer Verwechslung durch die Benutzer kaum gekommen sein kann.

8 Weitere Zinken
Wie bereits erwähnt, gibt es neben den graphischen Zinken, die die wichtigste Gruppe der Zinken ausmachen, noch andere Zinken. Im allgemeinen unterscheiden sich diese Zinken dadurch von den graphischen Zinken, daß sie unmittelbar gebraucht werden, d.h. das heißt im direkten Kontakt zum Kommunikationspartner, während bei graphischen Zinken, mit Ausnahme von bestimmten Situationen, die Distanz und der Zeitunterschied bei der Kommunikation eine wichtige Rolle spielt.

Abb. 9
Die Jadzinken, auch Femzinken oder Grifflingszinken genannt, werden mit der Hand oder den Fingern gebildet 42(Ave-Lallemant S. 49). Die Grundlage für die Kommunikation bildet das einhändige Taubstummenalphabet. Durch die Verwendung des Alphabet ist es den Benutzern möglich, ein genaueres Verständnis beim Kommunikations Partner zu erzielen. Aus diesem Grund, wird das System der Jadzinken  als „optische Telegraphie des Gaunertums“ bezeichnet. Auch das spiegelschriftliche schreiben von Wörtern in der Luft ist den
Jadzinken zuzurechnen sowie auch das Schreiben von Wörtern in die offene Hand des Kommunikationspartners, was insbesondere in der Dunkelheit praktiziert wurde (Ave-Lallemant S. 46).
Kenzinken ähneln den Jadzinken, da sie genau wie die Jadzinken das Hand Alphabet der Taubstummen 44(Ave-Lallemant) zur Grundlage haben. Der Unterschied zu den Jadzinken besteht jedoch im Gebrauch. Den KenZinken werden in den meisten Fällen als Erkennungsmerkmale verwendet, zur Kommunikation im engeren Sinne die Jadzinken 45(Ave-Lallemant).
So diente beispielsweise die Bildung des Buchstabens C, zuweilen auch die Buchstaben F, K oder G  als Erkennung Zeichen für einen Gleichgesinnten, den man so in einer Gruppe, für Außenstehenden unmerklich, ausfindig machen konnte 46(Ave-Lallemant 46).
Denselben Zweck erfüllten auch andere Formen der Kenzinken:  der sogenannte Scheinlingszwack oder das Scheinlingszwicken, die einen besonderen Blick mit dem Auge bezeichnen, mit dem man  insbesondere in Kneipen oder auf  Märkten Gleichgesinnte von Außenstehenden unterscheiden konnte 47(Ave-Lallemant 49).
Auch die Phonischen Zinken haben unter anderem die Funktion eines Erkennungszeichens. Gebräuchlich war diese Art von Zinken insbesondere in der Nacht oder als Fernsignal, wenn es nicht möglich war, eine direkte Kommunikation durch die Jad- oder Kenzinken zu führen 48(Ave-Lallemant 49).
In den meisten Fällen bestehen phonische Zinken in der Nachahmung  von Tier-Stimmen, wie z.B. Eulengeschrei, Wachtelruf, Hahnenschrei oder Hundegebell, da sich diese Tierstimmen als weniger verräterisch erwiesen als ein menschliches Pfeifen, Rufen  oder Räuspern 49(-137).
Desweiteren wurden Parolen, die teilweise aus Geräuschen, wie Niesen oder Schnalzen, und teilweise aus kurzen Wörtern bestanden, verwendet 50(Ave-Lallemant56).
Zum Schluß sollen die Schlichnerzinken erwähnt werden, die einen Verräter, einen Schlichner durch einen Schnitt in der Wange, der eine bleibende Narbe zur Folge hatte Anderen gegenüber zeichnete.

9 Moderne Gaunerzinken

Abb. 10

In ausgehenden 18. Jahrhundert geraten die Zinken nach einer kurzen Blütezeit zwischen den beiden Weltkriegen zunächst in Vergessenheit. (Die einstmals dicht bevölkerten Landstraßen waren nunmehr recht vereinsamt 51(Streicher 21)).
Seit  einigen Jahren geraten die Zinken jedoch durch „Moderne Verbrecher" wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Zitat 52(Seidenspinner 29-31): "auch heute gibt es noch Zinken dieser Art, obwohl man meinte, diese wären schon längst vergessen".
Diese Zinken tauchen in jüngerer Zeit immer wieder im Zusammenhang mit der Bettelei und Wohnungseinbrüchen, aber auch mit Millionen-Diebstählen auf. "so sollen in den letzten Jahren vorwiegend in Italien Fernlastzüge mit wertvollen Ladung gestohlen worden sein". 53(Sabitzer, Werner: Zeichen an der Wand. In: der Kriminalbeamte. Mai 1986 S. 8).
Die Fahrzeuge waren mit Hilfe von Farbspray an bestimmten Stellen durch Geheimzeichen gekennzeichnet worden so stellte Interpol fest, daß "die meisten österreichischen und deutschen Fernlastzüge, die in Italien gestohlen wurden, gekennzeichnet waren 54(Kuenenzeitung 7.April 1983 S. 9). Doch auch Angehörige von Sekten oder anderen religiösen Gruppierungen haben die Zinken für sich wieder entdeckt: an Klingelanlagen werden Zinken angebracht, die Gleichgesinnten Hinweise auf die Bekehrfreudigkeit der Bewohner geben 55(1-76). Bei diesen Zeichen handelt es sich meistens um Kreuzvarianten. Doch auch organisierte Gruppen wie Vertreter oder die sogenannten Drücker von Zeitschriften und Bücherclubs nutzen die Vorteile der geheimen Verständigung für ihre Zwecke. Neuerdings werden die alten Geheimzinken von Drücker-Kolonnen in Norddeutschland (Wangerland) wieder benutzt und um neue Zeichen ergänzt 56(Siwert, S. 7). Mit dem vermehrten Auftreten von Sekt hieran, Prospekt Verteilern und anderen Bittstellern, die von Tür zu Tür marschieren, tauchen die Zinken wieder vermehrt auf. An Franck der neunziger Jahre traten Einbrüche in Verbindung mit Zinken so häufig auf, daß besonders in Österreich vor den Geheimzeichen in der Lokal Presse gewandt wurde 57(1-Abbildungen 7-12). Aber auch in jüngster Zeit findet man immer wieder Zinken an Hauswänden und Türstöcken, neben Klingeln oder Eingangstüren 58(Scheller, Kerstin: Internationale Geheimsprache der Diebe. Aus frühreren Bettlerzeichen an Hauswänden wurden Gaunerzinken In: der Standard 28.12.1998).
So machen sich die Modernen Gauner das Wissen ihrer diebischen Vorfahren zunutze und greifen auf einer Art der einen Verständigung zurück, die schon vor 450 Jahren entwickelt und von den anderen Gruppen der Gesellschaft genutzt wurde.